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Nico Messinger: Der alte Hase hat das Jagen gelernt

Die Paralympics von Mailand & Cortina (6.-15. März) werden für Nico Messinger die dritten sein. An PyeongChang 2018 und Peking 2022 hat der 31-Jährige vom Ring der Körperbehinderten Freiburg gemischte Erinnerungen. Nun reist er als frisch gekürter Gesamtweltcup-Sieger im Para Biathlon der Männer mit Sehbehinderung nach Italien und sagt unmissverständlich: „Ich will eine Medaille holen.“

Aller Anfang ist wild. Das gilt zumindest im Falle von Nico Messinger. Wenn er zurückdenkt an Sjusjoen in Norwegen, an den Dezember 2011, an seinen ersten Start bei einem Weltcup im Para Ski nordisch, dann stutzt er kurz. „Verrückt, wie lange das her ist“, sagt er. Sagt es und schmunzelt, weil es eben wirklich wild war – das Laufen, das Schießen, alles eigentlich, was aus heutiger Perspektive so weit weg erscheint. „Wir waren damals bei weitem nicht so professionell aufgestellt, wie wir es heute sind.“

Es hat sich viel getan, seitdem Nico Messinger gestartet ist: die Trainingsmethoden, die Förderstrukturen, die Unterstützung im Team durch hauptamtliche Kräfte. „2011 mussten wir zum Beispiel bei unseren Guides noch viel improvisieren. Wir haben öfter hin und her getauscht, wie es gerade gepasst hat“, erinnert er sich. 15 Jahre später haben sich die Bedingungen in vielen – wenn auch längst nicht in allen Bereichen – denen im olympischen Sport angenähert. In Trainingslagern und vor Wettkämpfen sitzt der Freiburger mit zehn Jahre jüngeren Mitgliedern der Nationalmannschaft am Esstisch, die direkt in diese Strukturen hineingewachsen sind. Er kommt sich dabei, obwohl selbst erst 31, „wie ein alter Hase“ vor.

Die Karriere stand auf der Kippe

Dass er überhaupt dasitzt, dass auch er von der Professionalisierung profitiert, dass er noch Teil des Teams ist, ist nicht selbstverständlich. Vor vier Jahren stand Nico Messinger kurz davor, seiner Karriere ein Ende zu setzen. Damals fuhr er mit der Erinnerung an seine berauschende Paralympics-Premiere 2018 im südkoreanischen PyeongChang zu seinen zweiten Spielen nach Peking. Eine Medaille war ihm bei seinem ersten Auftritt auf der größten Bühne des paralympischen Sports zwar nicht vergönnt gewesen; Platz fünf im Langlauf-Sprint war sein bestes Ergebnis. Doch die Atmosphäre, das Zusammentreffen von Menschen aus aller Welt, die sportartenübergreifenden Begegnungen im paralympischen Dorf – das hatte berauscht.

Die Medaille wollte er dafür 2022 holen. Und erlebte eine Enttäuschung. Die unter Corona-Bedingungen und im Schatten des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine stattfindenden Spiele in China liefen an ihm vorbei. Die Form stimmte nicht, die Lichtverhältnisse machten es ihm schwer, er haderte. Platz sieben war sein bestes Einzelresultat. Eine Medaille hätte eine spürbar bessere Förderung für ihn bedeutet. Hätte es ihm ermöglicht, seine Stelle als Automobilkaufmann aufgeben zu können, in der er damals noch 20 Stunden pro Woche arbeitete. Die er, so sein Gefühl, aufgeben musste, um wirklich gut zu werden in seinem Sport. Die er nach den missglückten Paralympics aber nicht aufgeben konnte.

Nico Messinger beschloss, zumindest noch ein Jahr dranzuhängen. Sagte sich, dass er so nicht aufhören wolle. Ohne große Erwartungen fuhr er zu den Weltmeisterschaften 2023 ins schwedische Östersund – und holte mit entsprechender Lockerheit gleich zum Auftakt im Biathlon-Sprint Bronze. Zweimal Silber über die Mitteldistanz und im Langlauf-Sprint kamen anschließend hinzu, dann noch Gold mit der Staffel. Messinger war mit vier energischen Paukenschlägen in der Weltspitze angekommen.

Heißes Duell mit dem Mannschaftsgefährten

Die Konsequenz war eine Spitzensportförderung durch den Deutschen Zoll, dessen Zoll Ski Team er seit 2024 angehört, genau wie etwa Leonie Walter, Anja Wicker und Marco Maier aus der Para Ski nordisch-Nationalmannschaft oder wie Franziska Preuß, Vanessa Voigt und David Zobel, die derzeit bei Olympia in Italien um Medaillen kämpfen. Endlich konnte er sich komplett auf seinen Sport fokussieren, um noch besser zu werden. „Das war auch deshalb wichtig, weil er jetzt Regenerationsphasen viel besser gestalten kann als früher“, sagt Bundestrainer Rombach.

Das hat sich in dieser Saison ausgezahlt. Zweimal hatte Nico Messinger bis zum Start des Winters ein Para Weltcup-Rennen gewonnen, in diesem Jahr allein sind drei weitere Siege hinzugekommen, einer beim Heimrennen am Notschrei im Schwarzwald, zwei beim Weltcup-Finale im polnischen Jakuszyce. Vor allem beim Schießen lief es. In beiden von ihm gewonnenen Einzelrennen über 12,5 Kilometer blieb er viermal ohne Fehler und Strafminute. „Ich verliere im Vergleich zur Konkurrenz am Schießstand noch ein bisschen Zeit, aber wenn die Null steht, ist das verkraftbar. Dann wird es für die anderen schwer, mich zu schlagen.“

In Jakuszyce belohnte sich Messinger mit der Kristallkugel für den erstmaligen Gewinn der Gesamtwertung. Er schnappte sich den Titel im finalen Rennen nach einem packenden Zweikampf mit seinem deutschen Teamkameraden Lennart Volkert. Der 22-Jährige, einer der Überflieger der Saison, gab seine Führung im Gesamtweltcup im letzten Moment aus der Hand, weil Messinger knallhart ablieferte. „Eine komische Situation“ sei das gewesen, als das Resultat nach dem Zieleinlauf feststand, gibt der Routinier zu. Stichwort: des einen Freud, des anderen Leid. „Erst beim Auslaufen konnte ich mich so richtig freuen.“ Lennart Volkert freute sich letztlich mit: „Wir können einander die Erfolge des anderen sehr gut gönnen“, sagt Messinger.

Neid aus Schweden

Dass Konkurrenz das Geschäft belebt, hat sich im Verhältnis der beiden gezeigt – und nicht nur der beiden. Zur Trainingsgruppe in Freiburg zählen unter anderem in Marco Maier, doppelter Silbermedaillengewinner bei den Paralympics 2022 in der Klasse der stehenden Männer, und im hochtalentierten Theo Bold (19, ebenfalls Männer mit Sehbehinderung) weitere Topathleten. Die Harmonie im Team stimmt, man treibt sich gemeinsam voran. Der mehrfache Para Weltmeister Zebastian Modin aus Schweden habe ihm jüngst verraten, wie sehr er ihn um diese Bedingungen beneide, verrät Messinger. „Es ist schön zu sehen, dass wir es in Deutschland schaffen, Athleten auf dieses Niveau zu bringen.“

Und wohin soll das nun führen? Für Nico Messinger ist die Antwort klar: zu einer paralympischen Biathlon-Medaille in Italien. „Da brauche ich nicht drumherum reden. Das ist das klare Ziel.“ Ein Kinderspiel wird das nicht. Es wurde viel taktiert in dieser Saison; bei keinem Weltcup war die komplette Weltklasse zusammen. Die Strecken in Tesero sind äußerst anspruchsvoll – das hat der Testwettkampf im vergangenen Jahr gezeigt. „Du musst viele Höhenmeter machen und hast selbst in den Abfahrten nie Zeit dich auszuruhen, musst immer arbeiten.“ Auch die Bedingungen Mitte März dürften schwer werden. Messinger rechnet mit weichem Schnee. „Aber die gelten für alle. Das darf keine Ausrede sein.“

Nach Angaben von Ralf Rombach zeichnet das Wissen um die vielen großen und kleinen Aspekte, die über Erfolg und Misserfolg entscheiden, Nico Messinger aus. „Er denkt um die Ecke und hat vieles im Blick“, sagt der Bundestrainer, der anders als Messinger selbst nicht über Medaillenhoffnungen spricht. „Ich erwarte, dass Nico, wenn es darauf ankommt, die Leistung abruft, zu der er in der Lage ist. Nicht mehr und nicht weniger.“ Eine Schlüsselrolle wird dabei auch auf Robin Wunderle zukommen. Seit sechs Jahren bilden der 28-jährige Guide aus Todtnau und Messinger ein Team. Sie sind in dieser Zeit unter anderem durch Pekinger Tiefen und Östersunder Höhen gegangen. „Zwischen Oktober und März schlafe ich öfter neben Robin als neben meiner Freundin und bis auf sein Schnarchen passt das wirklich gut“, scherzt Messinger. Und ernsthaft: „Wir wissen beide, was der andere kann und was nicht. Robin gibt in jedem Rennen das Grundtempo vor. Er muss einordnen, wie schnell ich an dem Tag laufen kann.“

Viel Verantwortung für den Begleitläufer Wunderle, der als Sportsoldat selbst Profi ist – Profi sein muss für seine Aufgabe. Wären die Bedingungen noch die gleichen wie vor 14 Jahren, Nico Messinger wäre sehr wahrscheinlich längst nicht in der Position, in der er heute ist.  

Quelle/Text: Benjamin Schieler / DBS

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